Lehrveranstaltungen
Übung
- (Ü) Referieren und Verfassen mit modernen Arbeitsmethoden (Dr. Ulrich Leinhos-Heinke)
Lehrveranstaltungen vergangener Semester
SS 2011 - Proseminar:
Philosophische Implikationen der aktuellen Verhaltensbiologie
Die moderne Verhaltensbiologie, besonders die Vergleichende Verhaltensbiologie der höheren Wirbeltiere (Vögel, Säugetiere, speziell Primaten) hat weitreichende Implikationen für das Menschen- und Gesellschaftsbild. Betroffen sind vor allem die in der aktuellen Verhaltensbiologie im Zentrum stehenden Beobachtungsbereiche Werkzeuggebrauch / Intelligenz, Kommunikation / Sozialität / Altruismus und Selbsterkennung / Bewusstsein / Selbstbewusstsein, die ihrerseits untereinander eng verknüpft sind, aber auch für die Humanpsychologie eine große Bedeutung haben.
Mit der Verhaltensbiologie eng verbunden ist wiederum die Evolutionsbiologie, da diese davon ausgeht, dass auch Verhaltenskomponenten bei Tieren und Menschen der biologischen Evolution im Sinne Darwins unterliegen ("Verhaltensgenetik") und sich dies in der Evolution der Primaten bis hin zum Menschen zumindest teilweise nachvollziehen lässt.
Philosophische und anthropologische Fragestellungen kommen nicht umhin, diese verhaltensbiologischen Befunde und Theorien kritisch zu rezipieren, um sie einerseits auf ihre Aussagekraft für philosophische Konzepte (z.B. "Geist", "Subjekt") hin zu überprüfen, andererseits wiederum die Erkenntnisprozesse und Prämissen der Verhaltensbiologie selbst der Kritik zu unterziehen.
Das Seminar soll hierfür Grundlagen liefern, indem es einige aktuelle Befunde der Vergleichenden Verhaltensbiologie kritisch diskutiert und auf ihre Aussagekraft jenseits populärwissenschaftlich trivialisierender Interpretationen überprüft. Dadurch sollen die Studierenden die Kompetenz erwerben, naturwissenschaftliche Veröffentlichungen in ihrer Aussagekraft für philosophische Fragestellungen zu verstehen, aber auch deren Grenzen zu erkennen, indem sie lernen
a) begriffsanalytisch Anthropozentrismen und Anthropomorphismen in der Deutung verhaltensbiologischer Befunde zu durchschauen,
b) proximate "naturalistisch-reduktionistische" Ursachen von Verhalten von teleologischen "Erklärungen" für Verhalten (in der Tradition einer Naturteleologie bei Aristoteles, Leibniz, Locke; in Abgrenzung zu einem nicht-teleologischen Naturverständnis bei Descartes, Hobbes, auch Spinoza) zu unterscheiden und dabei die heuristische Funktion von "teleonomischen" Begründungen durch die in der modernen Verhaltensbiologie so bezeichneten "ultimaten Funktionen von Verhalten" (auch in der Tradition von Kants "Kritik der teleologischen Urteilskraft") zu verstehen, und
c) auf dieser begrifflichen Grundlage aktuelle "Biologismen" in der öffentlichen Diskussion kritisch zu überprüfen.
Zur Ergänzung werden auch einige biologie- und philosophiehistorische Aspekte aus dem 20. Jh. wie der eher reduktionistische "Behaviorismus"- und der eher anthropomorphe "Tierpsychologie"-Begriff sowie die umwelttheoretische Verhaltenskonzeption Jakob von Uexkülls sowie die Ansätze einer philosophischen Anthropologie bei Plessner oder Gehlen kritisch einbezogen.
Das Proseminar will insgesamt einführend zur analytischen Begriffsklärung beitragen und stellt hierzu exemplarisch ausgewählte wissenschaftliche Begriffe und Positionen der Verhaltensbiologie und der Philosophie, aber auch der Psychologie einander gegenüber. Dadurch werden auf der Metaebene am Beispiel dieses auch aus ethischer Sicht hochaktuellen Themenfeldes die unterschiedlichen Wege der Erkenntnisgewinnung und Begriffsbildung durch phänomenologische, hermeneutische und naturwissenschaftlich-induktive Methoden verdeutlicht. Das Seminar versucht dabei immer, durch seinen kontrastiven Aufbau die Probleme und Chancen des interdisziplinären Diskurses z
wischen Geistes- und Naturwissenschaften im Bereich einer "Biophilosophie" auszuloten.
In den ersten Sitzungen erfolgt darüber hinaus eine konzentrierte praxisorientierte Einführung in die Anforderungen des akademischen Referierens und Verfassens.
Zur allgemeinen Vorbereitung des Seminars und als Hintergrundlektüre werden empfohlen
(eine detaillierte Litearturliste wird zu Beginn des Seminars bereit gestellt):
I
- Schnädelbach, Herbert: Erkenntnistheorie zur Einführung. Hamburg 2008
[v.a. s. 7-39, 188-192] - Seiffert, Helmut: Einführung in die Wissenschaftstheorie. 1. Sprachanalyse - Deduktion - Induktion in Natur- und Sozialwissenschaften. München 2003
[v.a. s. 27-104, 153-200] - Seiffert, Helmut: Einführung in die Wissenschaftstheorie. 2. Geisteswissenschaftliche Methoden: Phänomenologie - Hermeneutik und historische Methode - Dialektik. München 2006
[v.a. s. 27-54, 104-109, 119-124, 129-131, 154-172]
II
- Brandt, Reinhard: Immanuel Kant - Was bleibt? Hamburg 2010:Kap. V: Zwecke der Natur (S. 151-174)
- Jahn, Ilse (Hg.): Geschichte der Biologie. Theorien, Methoden, Institutionen, Kurzbiografien. 2. korrigierte Sonderausgabe, 2002, der 3., neu bearbeiteten und erweiterten Auflage Hamburg 2004:Kap. 19: Die Herausbildung der Verhaltensbiologie (S. 581-600)
III
- Kappeler, Peter: Verhaltensbiologie. 2., überarbeitete und korrigierte Aufl. Berlin Heidelberg 2009
- Alcock, John: Animal Behavior. Das Original mit Übersetzungshilfen. An Evolutionary Approach. Eighth Edition. Übersetzung: Andreas Held. 8. Auflage München 2006
IV
- Lorenz, Konrad: Das sogenannte Böse. Zur Naturgeschichte der Aggression. [1974] 25. Auflage München 2007
- Nagel, Thomas: Wie ist es, eine Fledermaus zu sein? [1974] In: Metzinger T (Hg.): Grundkurs Philosophie des Geistes. Band 1: Phänomenales Bewusstsein. Paderborn 2006, S. 62-78
- Sommer, Volker: Darwinisch denken. Horizonte der Evolutionsbiologie. 2., korrigierte Aufl. Stuttgart 2008
WS 2010/11 - Proseminar
zusammen mit Michael Gerhard:
Empathie, Mitgefühl, Mitleiden aus philosophischer und psycho-biologischer Perspektive
Empathie, Mitgefühl, Mitleiden werden in den philosophischen Traditionen Asiens anders verstanden als in jenen des Abendlandes und dort noch einmal unterschiedlich zu psycho-biologischen Positionen.Aristoteles zählt Empathie, Mitgefühl und Mitleiden zu den irrationalen Regungen, Seneca sind sie ein Mangel des kleinen Geistes, Spinoza hält sie für an sich schlecht und im 18. Jh. wird die Annahme, daß der Mensch von Natur aus zum Mitleid disponiert sei, zum Gegenstand leidenschaftlich geführter Diskussionen.
Drücken Mitgefühl und Mitleiden für Kant noch Weichmütigkeit aus, so werden sie bei Schopenhauer zur moralischen Triebfeder. Der Bhagavad Gita ist Selbstmitleid eine Form des Mitfühlens mit anderen, Nagarjuna verbindet Mitleiden mit nicht-inhärenter Existenz, Shantideva genügt eine grundsätzliche Leidensfähigkeit um Mitleiden zu begründen, Asanga ist es das höchste Handlungsprinzip und dem Dalai Lama unterliegt Mitleiden gar einer Logik.
Diese unterschiedlichen philosophischen Positionen werden kontrastiert mit verschiedenen Ansätzen, sich aus biologischer und physiologisch-psychologischer Sicht dem Thema zu nähern. Der "Empathie"-Begriff versucht dabei, die hoch konnotativen Begriffe des Mit-Gefühls und Mit-Leidens zu versachlichen und steht expressis verbis oder zumindest implizit im Mittelpunkt verschiedener naturwissenschaftlich-psychologischer Untersuchungen und Konzepte, etwa im Bereich der Neurophysiologie (z.B. Konzept der "Spiegelneurone"), der Hormon- und Entwicklungsphysiologie und -psychologie (z.B. Untersuchungen zur Bedeutung des "Sozialhormons" Oxytocin) oder der Evolutions- und Verhaltensbiologie (z.B. Untersuchungen des sozialen Lernens durch Nachahmung bei höheren Tiergruppen und Kleinkindern sowie das Konzept des "Biologischen Altruismus" bei Tieren).
Das Seminar will zur Begriffsklärung beitragen und stellt hierzu ausgewählte wissenschaftliche Positionen aus West und Ost in der Seminarfolge abwechselnd einander gegenüber. Dadurch werden auf der Metaebene am Beispiel dieses auch aus ethischer Sicht hochaktuellen Themenfeldes die unterschiedlichen Wege der Erkenntnisgewinnung und Begriffsbildung durch philosophisch-hermeneutische und naturwissenschaftlich-positivistische Methoden verdeutlicht. Das Seminar versucht dabei, durch seinen dialektischen Aufbau die Probleme und Chancen des metadisziplinären Diskurses zwischen Geistes- und Naturwissenschaften im Bereich der "Biophilosophie" auszuloten.
Das Seminar findet gemeinsam mit dem Biologen Dr. U. Leinhos-Heinke statt.
Empfohlene Literatur:
- Demmerling, Christoph; Landweer, Hilge: Philosophie der Gefühle. Stuttgart, Weimar 2007.
- Ladner, Lorne: Die verlorene Kunst des Mitgefühls. München 2005.
- Lama Zopa Rinpoche: Mitgefühl. München 2001.
- Rifkin, Jeremy: Die empathische Zivilisation.Frankfurt/New York 2010.
- Birbaumer, Niels; Schmidt, Robert F.: Biologische Psychologie. 7., überarbeitete und ergänzte Aufl. Heidelberg 2010 [v.a. Kap. I/1, I/8, I/9, IV].
- Kappeler, Peter: Verhaltensbiologie. 2., überarbeitete und korrigierte Aufl. Berlin Heidelberg 2009 [v.a. Kap. I/1, IV, V].
- Petermann, Franz; Niebank, Kay; Scheithauer, Herbert: Entwicklungswissenschaft. Entwicklungspsychologie - Genetik - Neuropsychologie. Berlin Heidelberg 2004 [v.a. Kap. I/4, I/5].
- Sommer, Volker: Darwinisch denken. Horizonte der Evolutionsbiologie. 2., korrigierte Aufl. Stuttgart 2008 [v.a. Kap. 1-4].
- Seiffert, Helmut: Einführung in die Wissenschaftstheorie. 1. Sprachanalyse - Deduktion - Induktion in Natur- und Sozialwissenschaften. München 2003.
- Seiffert, Helmut: Einführung in die Wissenschaftstheorie. 2. Geisteswissenschaftliche Methoden: Phänomenologie - Hermeneutik und historische Methode - Dialektik. München 2006.
- Schnädelbach, Herbert: Erkenntnistheorie zur Einführung. Hamburg 2008.
- Schmidt, Nicole D.: Philosophie und Psychologie. Trennungsgeschichte, Dogmen und Perspektiven. Reinbek bei Hamburg 1995 [v.a. Kap. 6, 7].