Dr. Tobias Müller: Das Rätsel des Bewusstseins. Auf der Suche nach einer integralen Theorie.
(Dilthey-Fellowship VolkswagenStiftung/Fritz-Thyssen-Stiftung)
In den letzten Jahren förderten die Ergebnisse der Neurowissenschaften neue Erkenntnisse zutage, die für das Verständnis des Bewusstseins von großer Tragweite zu sein scheinen. Der Erkenntnisgewinn in den Neurobiologie schreitet mit einem atemberaubenden Tempo voran. Im Bereich der kognitiven Leistungen hat sich die funktionalistische Analyse der Kognitionswissenschaften als ein hervorragendes Instrumentarium der Erkenntnisgewinnung herausgestellt und es steht zu erwarten, dass die hier gewonnenen Erkenntnisse auch zu therapeutischen Zwecken nutzbar gemacht werden. Allerdings ist die entscheidende und sehr unterschiedlich beantwortete Frage, wieweit die Konsequenzen der neurobiologischen Ergebnisse auch für die Konzeption einer Bewusstseinstheorie und damit gleichzeitig für das Selbstverständnis des Menschen reichen. Der vermeintliche Determinismus der empirischen Neurowissenschaften, der durch manche Interpretation der Experimente von Benjamin Libet und neuerdings
von John-Dylan Haynes nahegelegt wird, und die Idee des Epiphänomenalismus erscheinen als eine eminente Herausforderung unserer lebensweltlichen und klassischen philosophischen Konzepte von Willensfreiheit und innerem Selbst. An der Aussage des Hirnforschers Wolf Singer „Wir sollten aufhören, von Freiheit zu sprechen“ wird die gesellschaftliche Brisanz der Thematik offenkundig, da es politisch, juristisch und sozial offensichtlich folgenreich ist, ob man sein Gegenüber als determinierte Biomaschine oder – zumindest prinzipiell – als frei handelndes Subjekt ansieht.
Die neuen Ergebnisse der Neurowissenschaften führen also unvermeidlich zu den Fragen, wie sich Neurowissenschaften und Philosophie des Geistes verbinden können, ob Gehirnzustände mit Bewusstseinszuständen identisch sind und ob unser freier Wille als Illusion entlarvt ist.
Da die Tragweite der neurobiologischen Ergebnisse aus methodischen Gründen sich nicht aus der Neurobiologie selbst ergibt, stellt sich hier eine philosophische Aufgabe. Diese Fragen machen das Projekt einer philosophischen Bewusstseinstheorie unumgänglich. Somit ist es einerseits notwendig, die empirisch gesicherten neurobiologischen Erkenntnisse in eine angemessene Deutung des Menschseins einzubegreifen, andererseits zu bedenken, dass sich die anthropologische Tragweite naturwissenschaftlicher, z.B. neurobiologischer Befunde, nicht schon aus der Neurobiologie selbst ergibt. Denn als
Naturwissenschaft sind für sie bestimmte methodische Einstellungen konstitutiv, die historisch und lebensweltlich weder selbstverständlich noch ausschließlich sind. Damit ergibt sich die Frage, inwieweit Theorien des Geistes die Ebene der von ihnen in Anspruch genommenen Bewusstseinsphänomene phänomenadadäquat einholen können. Schon von daher erscheint das Bestreben gerechtfertigt, eine integrative Theorie des Bewusstseins zu entwickeln. Interessant ist hier die Tatsache, dass sich innerhalb der philosophischen Debatte aufgrund der Probleme reduktionistischer Theorien zwei Ansätze herausgebildet haben, die dem Anspruch auf eine integrale Sicht auf Bewusstsein gerecht werden wollen: Die sogenannte Emergenztheorie und der Pan-Proto-Psychismus. Beide Ansätze gehen davon
aus, dass sich Geistiges nicht einfach auf Physikalisches reduzieren lässt. Dabei bleiben wichtige Fragen in beiden Ansätzen ungeklärt, was eben deshalb gravierend ist, weil sich gerade Kerngedanken beider Ansätze für eine integrale Bewusstseinstheorie als wertvoll erweisen könnten.
Ziel des Forschungsprojekts ist es, den „ontologischen“ und systematischanthropologischen Erklärungswert der vorgestellten naturwissenschaftlich vorgehenden Theorien herauszuarbeiten und für das Bewusstseinsproblem fruchtbar zu machen. Der thematische Fokus liegt hier auf den Konzepten der Emergenz, des Panpsychismus, wissenschaftstheoretischer Implikationen des Reduktionismus, des Problems der Willensfreiheit und des phänomenalen Bewusstseins.
Vor allem soll herausgearbeitet werden, wie die naturwissenschaftlichen Modelle und die philosophische Reflexion zusammenarbeiten können, um auf dem neusten Stand sowohl der gegenwärtigen Naturforschung als auch philosophischer Reflexion einen weiterführenden Beitrag zur Lösung des Rätsels des Bewusstseins zu leisten. Dabei werden vor allem naturphilosophische Konzepte wie „Materiebegriff“, kausale Geschlossenheit der physischen Welt, „Kausalitätsbegriff“ beleuchtet und hierbei könnte auch die Quantenphysik entscheidende Impulse für eine philosophische Reflexion
liefern, da sie Annahmen der „klassischen“ Physik grundlegend relativiert hat. Mit diesem Projekt ist für die Diskussion um die Bewusstseinsproblematik die Möglichkeit gegeben, einen internationalen und interdisziplinären Gedankenaustausch zu initiieren, zu dem Fachleute verschiedener Disziplinen und Richtungen zu Diskussionen regelmäßig zusammenkommen sollen.
Ein solcher „Rahmen“ könnte die Diskussion um das Bewusstsein und die damit verbundene anthropologische Dimension nachhaltig beeinflussen, insofern hier Grundprinzipien und –begriffe interdisziplinär beleuchtet und Verkürzungen aufgedeckt werden könnten, was sich dann auch in der öffentlichen Diskussion in Form einer differenzierteren Perspektive niederschlagen könnte.
Ein wichtiger Teil des Projekts ist die Gründung eines Netzwerk von Nachwuchswissenschaftlern aus verschiedenen Disziplinen und Richtungen, das im Oktober 2008 gegründet werden soll, denn es scheint in der interdisziplinären Debatte um das Bewusstsein wichtig, ein Forum für Nachwuchswissenschaftler zu schaffen, in dem verschiedene Richtungen und Ansätze diskutiert werden können. Geplant ist nach der Gründung des Netzwerkes eine Reihe von Tagungen zu veranstalten, zu denen dann Experten für spezielle thematische Aspekte eingeladen werden sollen und Raum geschaffen wird, die verschiedenen Stärken und Schwächen der Ansätze zu diskutieren.
Das Projekt ist nicht nur von großer gesellschaftlicher Relevanz und Aktualität, es bietet gleichsam auch der Philosophie wieder die Möglichkeit, in Kooperation mit den empirisch arbeitenden Wissenschaften (vornehmlich Neurowissenschaften und Physik) zu treten und ihre kritisch-konstruktive Perspektive in aktuellen Debatten fruchtbar zu machen.
Kurzbiographie
Tobias Müller, Dr. phil., geb. 1976, Studium der Philosophie, Theologie, Pädagogik und Physik in Mainz und Frankfurt/M.
ab Oktober 2008 Wissenschaftlicher Mitarbeiter im Forschungsprojekt "Das Rätsel des Bewusstseins. Auf der Suche nach einer integralen Theorie" der VolkswagenStiftung/Fritz-Thyssen-Stiftung (Dilthey-Fellowship) an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz.