|
Béla Hamvas von Astrid Schollenberger M.A.
|
|
 |
|
"Der Jasmin ist die Blüte, die das meiste aus dem Garten
Eden herüberrettet, und dereinst am Ende aller Zeiten werden
in den Innenhöfen der Stadt der Seeligen, im Neuen Jerusalem,
heilige Jasminsträucher stehen, und jedesmal, wenn der Jasmin
blüht, werden die Mädchen einen Jasminkranz im Haar tragen,
und sie werden in weißen Kleidern gehen und mit Jasminstimme
singen.
Mit dem Ölbaum ist es anders. Wenn ich Rausch sage, dann denke
ich an ihn. An die süße und schwere Dichte seines Duftes.
Der dich betäubt. Der Jasmin ist die Schönheit der Jungfrau
aus dem Paradies. Der Ölbaum aber ist Fleisch und Blut, er ist
ein Kuß, der dich förmlich erstickt, der dir in der Kehle
stecken bleibt. Sein Duft macht trunken. Seine Blüten wirken
wie winzige Trichter, außen silbern, innen golden. In ihnen
ist Nektar. Wenn der Jasmin uns etwas vom Duft des Paradieses gerettet
hat, so wird der Ölbaum den Duft der irdischen Liebe bewahren,
das trunkene Dahinschmelzen, die Ekstase. Alles stehet im Wunder',
wie Böhme sagt. Die Welt kann ich nur verstehen, wenn ich vor
diesem Wunder erzittere.
Was ich als Wunder bezeichne? Wenn das Übernatürliche die
Natur von oben und von innern her durchbricht. Wenn das Transzendente
in die Welt des Notwendigen einbricht. Ich weiß nicht, was jenseits
der Grenze geschieht. Etwas Übersinnliches. Was man nicht verstehen,
sondern nur erleben kann. Die Wunderatmosphäre. Das Sein jenseits
der Grenze, das unvergleichlich stärker als das meine ist. Ich
sehe nur, daß etwas durch die Notwendigkeit hindurchscheint,
und das kann ich gerade noch ertragen. Ich sehe keine Logik darin,
deshalb bezeichne ich es als Wunder, so als handelte es sich um eine
Ausnahme oder einen Zufall. Aber ich weiß, daß auch jenes
höhere Sein, das das meine bei weitem übersteigt eine Logik
hat. Und wenn diese Logik mich berührt, gerate ich in Ekstase,
vielleicht singe ich auch, oder ich habe eine Vision, schreibe ein
Gedicht, beginne auf der Wiese zwischen Zittergräsern zu tanzen.
Denn Mythos und Musik erfassen das Wunder am besten. Alles stehet
im Wunder'".
Béla Hamvas
Auszug aus Jasmin und Ölbaum. In: Silentium. Essays. Aus dem
Ungarischen von Jörg Buschmann. Herausgegeben von Gerhard Wehr.
Editio Marika Marghescu: Grafing 1999, S. 21f.
|
|
|
Biographie
Béla Hamvas (gesprochen: Hamvasch) wurde 1897 in Eperjes/Nordost-Ungarn
in einem evangelischen Pfarrhaus geboren. Der Vater war evangelischer
Theologe und Gymnasiallehrer für Ungarisch und Deutsch.
Die Werte des Bildungsbürgertums wurden in der Familie
gepflegt und die Atmosphäre wird als offen, kultiviert
und gesellig beschrieben. Kurz nach seiner Geburt zogen die
Eltern nach Pressburg, dem heutigen Bratislava in ein großes
geräumiges Haus mit romantisch verwildertem Garten. Hamvas
verbrachte eine schöne Kindheit und Schulzeit. Bratislava
ist die Hauptstadt der heutigen Slowakei und des Bratislavský
kraj mit ca. 425.000 Einwohnern. Sie liegt in einem Länderdreieck
an der Donau, direkt an den Staatsgrenzen zu Österreich
und Ungarn, sowie unweit der Staatsgrenze zu Tschechien (zirka
60 km).. Sie ist die einzige Hauptstadt der Welt, deren Gebiet
an zwei Nachbarstaaten grenzt.
Die Nähe zu Wien und die Gegenwärtigkeit dreier
nationaler Identitäten bildeten den kulturellen Nährboden
der jugendlichen Entwicklung von Béla Hamvas. Die Metropole
bekennt sich auch heute noch zur traditionellen Dreisprachigkeit
von ungarisch, deutsch, slowakisch. Musik und Literatur wurden
in der Familie gepflegt; der Vater publizierte selbst.
17-jährig meldete sich Hamvas nach seinem Abitur 1915
wie viele Gleichaltrige auf den unterschiedlichen Seiten der
kriegsbeteiligten Staaten aus jugendlichem Enthusiasmus freiwillig
zum Militärdienst, um sein Vaterland zu verteidigen.
Bratislava gehörte damals zu Groß-Ungarn, das bis
zum Ende des Ersten Weltkrieges zur östereichisch-ungarischen
Donaumonarchie zählte und ein sehr großes Staatsgebiet
umfasste. Er kämpfte an der ukrainisch-russischen Front.
Antal Dùl, der Erbe des Hamvas-Nachlasses schreibt
dazu in Béla Hamvas: Az öt géniusz, 1985:
"Mit naiver Begeisterung will er die Heimat verteidigen.
Aber die Erfahrung der entsetzlichen Realität versetzt
ihm bald einen Schock. Er wird mit einem Nervenzusammenbruch
hospitalisiert und bald danach während eines zweiten
Fronteinsatzes verwundet. Es ist aber nicht nur die physische
Erschütterung, die er erlebt. Er erfährt die Gebrechlichkeit
des Lebens und das Einstürzen eines Weltbildes. Die Monarchie
versinkt einem Traum zu vergleichen in der Vergänglichkeit."
In Nietzsche, der ebenfalls einer protestantischen Pastorenfamilie
entstammte und der selbst schmerzvolle Erfahrungen des deutsch-französischen
Krieges, 1870 erlebt hatte, fand Hamvas eine verwandte Seele.
1916 liest er Nietzsche, Schopenhauer, Rimbaud und Dostojewskij
und entdeckt zwei Jahre später die Schriften von Kirkegaard.
Die kaiserliche - königliche Donaumonarchie löste
sich nach dem ersten Weltkrieg auf. Ungarn forderte seine
Unabhängigkeit und nimmt riesige Gebietsverluste im Frieden
von Trianon in Kauf. Slowaken und Tschechen gründeten
die damalige Tschechoslowakei. Bratislava lag jetzt innerhalb
der tschechoslowakischen Staatsgrenzen. Als der Vater den
slowakischen Treueschwur verweigerte, wurde die Familie ausgewiesen.
An der philosophischen Fakultät der Pázmány
Péter Universität in Budapest studierte Hamvas
ungarische Literatur und Germanistik, belegte musiktheoretische
Seminare am Konservatorium und besuchte Vorlesungen an der
Medizinischen Fakultät. 1923 schloss er das Studium ab
und arbeitet notgedrungen als Journalist bei einer Boulevardzeitung.
Die Oberflächlichkeit und Sensationsgier, die diese Arbeit
kennzeichnet, empfand er als Entfremdung.
"Glücklicherweise bekommt er eine Stelle in der
Stadtbibliothek. Diese Arbeit ermöglicht ihm dann seinem
Verlangen nach einer "universellen Orientierung"
nachzugehen. Er publiziert in renommierten literarischen und
geisteswissenschaftlichen Zeitschriften. Er liest nebst lateinisch
und griechisch auch deutsch, französisch und englisch;
später lernt er auch Sanskrit und Hebräisch. Sein
Interesse gilt mehr und mehr der Philosophie. Vor allem erforscht
er systematisch Geschichte und Lehre der großen Religionen,
das Wesentliche und das Gemeinsame suchend." (Antal Dùl,
ebenda)
|
|
Im zweiten Weltkrieg, 1937 heiratete er Katalin Kemény.
Trotz der Entbehrungen des Krieges erlebten die beiden eine
intensive Zeit des gemeinsamen intellektuellen Schaffens.
Sie forschten, übersetzten und publizierten. Hamvas wurde
mehrmals zum Kriegsdienst als Reserveoffizier eingezogen und
übersetzte selbst an der russischen Front Schriften von
Lao-tse und Jacob Böhme. Er legte die Grundsteine für
ein Projekt, das er bis in die 1960er Jahre vorantreiben sollte:
Er übersetzte die wichtigsten Lehren der religiösen
Überlieferungen. Jacob Böhme, ein deutscher Mystiker
des 16. Jahrhunderts, bezeichnete er später als seinen
geistigen Meister.
Katalin Kemény war selbst anerkannte Schriftstellerin
und sollte ihren Mann um drei Jahrzehnte überleben. Sie
hat seine Arbeiten geschützt und die Übersetzung
seiner Werke angestoßen und überwacht bis an ihr
eigenes weltliches Ende. Sie schreibt über sein Schaffen
in dieser Zeit:
"Zwischen den Dreißiger Jahren und 1945 veröffentlicht
er rund 300 Artikel in Zeitschriften. Die idyllische Stimmung
seiner Essays und Studien erinnert an Thoreau, seine Klarsicht
an A. Huxley, die leidenschaftliche Wahrheitssuche an Kierkegaard.
In drei grundlegenden Studien beschäftigt er sich - anders
als die damalige Krisenliteratur - nicht mit der Politik der
europäischen Zivilisation, Wirtschaft und Kunst, also
nicht mit Teilerscheinungen, sondern er deckt im Auseinanderdriften
von Sein und Lebenspraxis die ontologische Grundlage der Krise
auf. Nicht weniger bedeutend ist sein Essayband A láthatatlan
történet (Das unsichtbare Geschehnis) aus den
vierziger Jahren, in dem er durch das Sichtbare hindurch zum
wahren Geschehnis zu gelangen versucht. Ein feinfühliger
Analytiker zählt den Band zu den, schönsten
Blättern europäischer denkender Literatur'"
(Katalin Kemény in: Béla Hamvas: Silentium.
Grafing bei München 1999, S. 122f).
Hamvas wird fahnenflüchtig, weil er der ungarischen Kollaboration
mit den Nazionalsozialisten entgehen will. Bombenangriffe
zerstören 1945 sein Haus in Budapest mit seiner Bibliothek
und seinen gesamten Manuskripten.
Mit der Machtergreifung der Kommunisten 1948 verliert er seine
Stellung als Bibliothekar. Ein gemeinsam mit seiner Frau veröffentlichtes
Buch über die ungarische Avantgard-Malerei mit dem Titel
Revolution in der Kunst - Abstraktion und Surrealismus in
Ungarn ist "groben Angriffen des kommunistischen Ideologen
Georg Lukàcs ausgesetzt. Die Folge ist, daß er
auf die Liste der verbotenen Autoren kommt. Jegliche Publikation
wird ihm untersagt. Um schlimmeren politischen Verfolgungen
zu entgehen, siedelt er ohne seine Familie in die Provinz
über"( Silentium S.123) Silentium darf erst nach
der Lockerung der Zensur 1987 erscheinen - fast zwanzig Jahre
nach seinem Tod.
Hamvas ging 1948 nach Szentendre, einem kleinen Provinzstädtchen
an der Donau, wo er offiziell als Landarbeiter gemeldet war.
Er versuchte seinen Lebensunterhalt mit dem Bewirtschaften
eines Obstgartens zu verdienen. Die Idylle der Natur, die
daraus strömende exstatische Kraft und Lebensfreude ist
in seinen Schriften Philosophie des Weins und Silentium auch
für deutsche Leser festgehalten. 1951 fand er eine Hilfsarbeitertätigkeit
auf der Großbaustelle eines Kraftwerkes. Er wurde Verwalter
der "Materialausgabe".
Neben seiner Lagerarbeitstätigkeit übersetzte und
schrieb er weiter. In Szentendre nahm er die Arbeit an seinem
zwanzig Jahre zuvor begonnen Roman Karneval wieder auf. Er
sollte letztlich 1.500 Seiten umfassen. Ab 1964 erhielt er
eine kleine Rente, die aber auch für einen sorgenfreien
Lebensunterhalt nicht ausreichte. Seine Schriften werden zum
größten Teil als Manuskripte illegal verbreitet
und immer populärer, dennoch erlebte er selbst nicht
mehr den Erfolg und die Befreiung seines Landes. Er starb
am 07. November 1968 an einem Schlaganfall. Seine Frau lässt
ihn in Szentendre beerdigen.
|
_________________________________________
"Es ist
so, dass ich immer auf der Suche bin nach einem
Menschen, der mir gleicht oder sagen wir, nach
einem identischen Menschen, sozusagen einem
adäquaten Menschen.
In jedem einzelnen Menschen suche ich mich selbst,
erkenne mich aber nur in verzerrter Form wieder.
Wenn ich zwei Menschen sehe, dann ist diese
Abweichung von mir etwas geringer, um eine bedeutungslose
Bruchzahl geringer, und je mehr ich sehe, desto
geringer wird sie. Das ist die Erklärung
für meine Menschensucht. Keine besonders
brillante Erklärung und nicht ganz zutreffend.
Ich könnte selbst Einwände gegen sie
erheben. Ich glaube nämlich, dass ich mich
von außen, in meinem Spiegelbild, nur
dann klar und ganz wiedererkennen würde,
wenn ich alle Menschen auf einmal sehen könnte,
mit ihren Geschichten, Gesichtern, Schicksalen,
Verwandlungen, Inkonsequenzen, Lebenslinien,
Brüchen, alles zusammen in einem. Ich akzeptiere
nur die ganze Menschheit als Spiegelbild.
Daraufhin sagen Sie, ich sei ein megalomaner
Narziss, der die ganze Menschheit als Spiegel
anstarrt. Dafür spricht einiges, wenn auch
nicht vieles, aber doch, und sie irren sich
nur insofern, als mich dieses Spiegelbild nicht
bezaubert, im Gegenteil. Die adäquate Hälfte
jedes Menschen ist die ganze Menschheit. Ich
sage noch mal, diese Erklärung befriedigt
auch mich nicht, aber mir fällt nichts
Besseres ein. Eine Erklärung brauche ich
aber, ich will nicht noch mehr Verwirrung. Diese
Adäquatheits-Theorie erklärt, wenn
auch schlecht, meine Menschensucht. Alle Menschen
zusammen ergeben mich. Jeder Mensch ist alle
zusammen. Ich stehe einem Menschen nur so lange
fremd gegenüber, wie ich diese Theorie
nicht berücksichtige. So lange ist er mir
fremd. Unverständlich und sonderbar. Ich
muss mir vor Augen halten, dass ich ihn ja gar
nicht als fremd empfinden kann, ich kann auf
ihn nicht verzichten, denn wenn ich das täte,
würde irgendein Mangel bei mir auftreten
(in mir, in der ganzen Menschheit), ein weißer
Fleck, ein unentdecktes Gebiet, und ich spüre
gleich, dass er mir nicht fremd ist, sondern
zu mir gehört, und dass man ihn weder auslassen
noch schneiden darf."
Béla Hamvas
Hamvas' Maskenball, ein Guide für diesseits
und jenseits. ©Gabor Altorjay. In: Lettre
International. Berlin, Dezember 2004, Nr. 67Bibliographi
In deutscher Sprache erhältlich:
SILENTIUM. Essays.
Aus dem Ungarischen von Jörg Buschmann.
Herausgegeben von Gerhard Wehr. Editio Marika
Marghescu: Grafing 1999
PHILOSOPHIE DES WEINS
Aus dem Ungarischen von Hans Skirecki. Herausgegeben
von Gerhard Wehr. Editio Marika Marghescu: Grafing
1999
KARNEVAL
Internetsubskriptionsprojekt:
http://www.hamvaskarneval.mediatransform.de
(mit diesem Link verlassen Sie die Homepage
der Johannes Gutenberg-Universität Mainz)
Home
|
|
|
|
|
|
|