PS

Titel der Veranstaltung

Freiheit, Autonomie und Menschenwürde – Kants Ethik und ihre Aktualität

(mit Lektüretutorium zur Bioethik)

Leitung

Andreas Hütig

Ort

P 206

Beginn

30.10.2001

Wochentag

Dienstag

Zeit

12 – 14 Uhr

Teilprüfung

möglich

Gewichtung

Inhaltlicher Schwerpunkt mit methodischen Einsprengseln

Leistungsnachweis

Referat/Essay oder Protokolle/Kolloquium oder Hausarbeit

Gegenstand der Veranstaltung

„Was soll ich tun?“ ist Kant zufolge die Frage der Ethik. Indem nun diese Frage gestellt wird, zeigt sich einerseits das Interesse des Menschen an einer Aufklärung über sich selbst, und andererseits wird damit die Notwendigkeit einer philosophischen Reflexion einsichtig: Es ist nämlich nicht bereits selbstverständlich und eindeutig, was moralisch geboten ist, aber es erscheint auch nicht schon auf den ersten Blick unmöglich, dass es so etwas wie freies, moralisches Handeln geben könne – sonst würde die Frage gar keinen Sinn ergeben, es gäbe nur instinktgeleitetes Verhalten oder kein aus guten Gründen gerechtfertigtes Handeln. Kants Ziel ist es, die Denkmöglichkeit der menschlichen Freiheit aufzuweisen und das zu präzisieren, was unter dieser Voraussetzung als Moralität gelten kann. Die allein mögliche Form einer Ethik ist ihm zufolge eine solche der Autonomie, der Selbstgesetzgebung aus und durch Vernunft, und aus dieser Fähigkeit zur Selbstgesetzgebung resultiert für ihn die Menschenwürde.

Kants Ethik ist eine der wichtigsten und wirkmächtigsten der gesamten Philosophiegeschichte, so dass fast schon aus diesem Grund gewollt werden kann, dass die Beschäftigung mit ihr zum allgemeinen Gesetz werde. In seinen Ausführungen argumentiert er zugleich gegen andere ethische Positionen, so gegen den Eudaimonismus; in den weiteren Schriften zur praktischen Philosophie zeigt er Konsequenzen für und Differenzen zu angrenzenden Disziplinen, z.B. der Rechts-, Staats- und Geschichtsphilosophie. Die Vertrautheit mit diesen Verbindungen und Argumentationen schärft den Blick für die Bedingungen und Konsequenzen der menschlichen Existenz, anderer ethischer Positionen und gesellschaftlicher Situationen. Die Unbedingtheit des moralischen Sollens, die Formalität des kategorischen Imperativs und die Betonung der Rolle der Vernunft sind aber auch Gegenstand weitreichender Kritik geworden. Zugleich verstehen sich zahlreiche Entwürfe der Moralphilosophie der Gegenwart als Wiederaufnahme oder Transformation der kantischen Position, mit der man so zur Teilnahme an aktuellen Debatten vertraut sein sollte.

Die Relevanz einer ethischen Position bemisst sich indes nicht nur nach ihrer theoriegeschichtlichen Wirksamkeit, sondern auch nach ihrer Fruchtbarkeit für moralische Probleme der Gegenwart. Zu den meistdiskutierten Bereichen gehört z.Z. der der Bioethik, des Umgangs mit neuen Reproduktionstechniken und dem Wissen, das aus der Gentechnik erwächst. Hier finden sich fundamentale Infragestellungen unseres Selbstbildes und des Umgangs mit uns selbst und anderen. Eine Konfrontation der kantischen Position mit diesem Bereich vertieft das Verständnis derselben und zeigt mögliche Leistungen und Grenzen, liefert aber v.a., jenseits allzu bemühter Aktualität, einen Beitrag für eines der wichtigsten Ziele der Philosophie: der Selbstaufklärung des Menschen.

Inhaltliches/Methodisches Vorgehen

Das Seminar soll in die Ethik Kants einführen und reflektierte Stellungnahmen zu derselben ermöglichen. Dazu wird nach einer kurzen Skizze der systematischen Voraussetzungen die Position Kants erarbeitet. Anschließend werden Querverbindungen und Konsequenzen in bezug auf Nachbardisziplinen betrachtet. Ein Überblick über Kritiken und Transformationen vertieft das Verständnis, bevor am Ende des Semesters auf aktuelle Fragen eingegangen wird.

Didaktische Vorgehensweise

Die Erarbeitung der kantischen Position geschieht v.a. durch gemeinsame Lektüre und Rekonstruktion von Teilen der Grundlegung zur Metaphysik der Sitten. Die systematischen Konsequenzen und die Kritiken und Transformationen sollen z.T. im Referat vorgestellt, z.T. in anderen Formen diskutiert werden. Teilnehmende sollten die Bereitschaft zur engagierten Diskussion und zur systematischen Vorbereitung mitbringen.

Begleitend zum Seminar wird ein (freiwilliges) Lektüre-Tutorium zur Bioethik (Z.u.O.n.V.) angeboten, in dem aktuelle Texte zu entsprechenden biologischen, juristischen und ethischen Fragen gelesen und besprochen werden. Es ist geplant, dass die Tutoriumsgruppe ihre Überlegungen und Ergebnisse am Ende des Semesters dem Seminar vorstellt (= Referat i.S.d. Scheinanforderungen), so dass der Bezug zu Kant diskutiert werden kann.

Literatur

Zur Anschaffung: Immanuel Kant: Grundlegung zur Metaphysik der Sitten, Stuttgart: Reclam: 1961 oder später (andere Ausgaben möglich, aber die von Reclam ist Seminargrundlage).

Zur Ansicht: Kathrin Braun: Menschenwürde und Biomedizin, Frankfurt: Campus 2000 (bisher nur IB FB 01, für unsere IB bestellt).