DIE ZEIT vom 14.05.1998 Seite 40 Nr. 21

Wissen

Der Begriff des Begreifens

Neues aus Tucson: Spiegel-Neuronen und geflüsterte
Heilbotschaften

Eine der fundamentalen Auseinandersetzungen zwischen Hirnforschern und Bewußtseinsphilosophen entzündet sich am Begriff der sogenannten Erste-Person-Perspektive: Gibt es - unter vernünftigen wissenschaftstheoretischen Gesichtspunkten - im Ernst so etwas wie eine Datensammlung aus der Innenperspektive des erlebenden Ichs? Sind integrative Ansätze dieses Typs genau das, was das Phänomen Bewußtsein letztlich erfordert - oder sind sie eher ein gefährlicher, erkenntnistheoretisch naiver Unsinn?

Auch in Tucson wurde diese Frage heftig debattiert. Zugleich bewiesen einige Forscher, daß man das subjektive Erleben eben doch objektiv erforschen kann.

Der kanadische Psychologe Phil Merikle und seine Kollegin Meredyth Daneman hatten die Erinnerungsleistungen während der Narkose untersucht und dabei auf eine Vielzahl vergangener Studien zurückgegriffen. Ihr überraschendes Ergebnis: Wurden den Patienten im Zustand der Bewußtlosigkeit positive Suggestionen über Kopfhörer eingespielt, so sank sowohl die postoperative Verweildauer im Krankenhaus als auch die notwendige Menge von Schmerzmitteln nach einem chirurgischen Eingriff. (Kontrollversuche mit negativen Suggestionen verbaten sich allerdings aus naheliegenden ethischen Gründen.)

Das gute Zureden im unbewußten Zustand beeinflußte vor allem das bewußte Schmerzerleben nach der Operation. Merikle und Daneman fanden auch heraus, daß die allgemeine Narkosetiefe und die "Bewußtseinshelligkeit" während einer Operation stärker variieren als bisher angenommen. Solche Erkenntnisse legen nahe, daß das Phänomen der unbewußten Wahrnehmung zweifelsfrei existiert und daß es uns auf vielfältige Weise beeinflußt - zum Beispiel, indem es den Inhalt unserer Träume bestimmt oder unsere gefühlsmäßigen Reaktionen nach einem bewußten Erlebnis verändert.

Die weitreichendsten Spekulationen löste jedoch der Vortrag eines Italieners aus: Vittorio Gallese vom Istituto di Fisiologia an der Universität Parma berichtete über die Entdeckung sogenannter Spiegel-Neuronen. Diese neuentdeckte Klasse von Nervenzellen in der prämotorischen Großhirnrinde von Makaken spielen bei der Erzeugung von Greifbewegungen eine wichtige Rolle.

Wie die Versuche von Gallese zeigen, feuern diese Neuronen nicht nur dann, wenn der Affe mit seiner Hand oder dem Mund nach einer Rosine greift - sondern auch, wenn das Tier nur beobachtet, wie ein Mensch oder ein anderer Affe genau dieselbe Handlung ausführt. Diese Nervenzellen entladen sich also nicht nur bei der eigenen, zielgerichteten motorischen Verhaltensweise, sondern "spiegeln" auch die Bewegung eines Gegenübers wider. Sie scheinen einen Abgleich beobachteter und selbst durchgeführter Handlungen vorzunehmen.

Was könnte die Funktion eines solchen Systems sein? Gallese und seine Kollegen vermuten, daß die Spiegel-Neuronen die Vorform jener Nervenzellen bilden, mit denen im Laufe der Evolution sprachliche Kommunikation möglich wurde. Die innere Darstellung von körperlichen Bewegungen könnte damit die Urform der mentalen Repräsentation von geistigen Inhalten gewesen sein, der vorsprachliche Nährboden, auf dem schließlich die symbolische Intelligenz des Menschen wuchs und sich zu höheren Formen von sozialer Verständigung entfaltete.

Nicht nur bei den von Gallese untersuchten Affen, sondern auch im menschlichen Hirn gibt es solche Systeme zum Abgleich von Beobachtungen und Handlungen. Das legen bildgebende Verfahren und Experimente an menschlichen Versuchspersonen in den vergangenen Jahren nahe. Insbesondere fand man heraus, daß sowohl die Durchführung, die Beobachtung und die "geistige Simulation" von Greifbewegungen der Hand beim Menschen mit einer Aktivierung des Sprachzentrums einhergeht.

Eine der vielen spekulativen Hypothesen, die sich jetzt aus solchen Entdeckungen ergibt, nimmt an, daß sich das Sprachvermögen schrittweise entwickelte, indem es genau auf einem solchen System zur Handlungsinterpretation aufbaute: Diesem Szenario zufolge hätten unsere Vorfahren im Verlauf der Evolution aus einem rudimentären Erkennungssystem für körperliche Gesten zunächst eine grimassierende Gesichtsgestik entwickelt, die allmählich zu den ersten Schmatzlauten und "phonetischen Gesten" und schließlich zum hochentwickelten Sprachgebrauch des Homo sapiens führte.

Stimmt diese Theorie, dann hätten sich die Sprachzentren des Gehirns letztlich aus seinen motorischen Regionen heraus entwickelt. Und aus einem System zur Interpretation fremder Handlungen wäre schließlich ein System zur Interpretation der Absichten eines Gegenübers geworden. Möglicherweise ist sogar das begriffliche Denken des Menschen im Grunde nur eine besondere und höchst verfeinerte Form des motorischen Verhaltens.

Ob sich diese Schlußfolgerung in Zukunft erhärten läßt oder nicht - Vittorio Gallese meint jedenfalls, in seiner Arbeit sei die Lektüre philosophischer Texte mittlerweile genauso wichtig, wie das Experiment im Labor. Beides zusammen hat den Neuro-Wissenschaftler schon jetzt zu einer provokativen These geführt: "Die Hirnforschung ist ein Teil der Geisteswissenschaften."

Der Philosoph Thomas Metzinger arbeitet am Hanse-Wissenschaftskolleg im niedersächsischen Delmenhorst

Unter www.zeit.de/links/ finden Sie weitere Informationen über die Tagung in Tucson und zur Bewußtseinsforschung

Autor(en): Metzinger, Thomas

Bildunterschrift:
Schillernd wie ihr Logo war die dritte Konferenz der Bewußtseinsforscher
im amerikanischen Tucson
Aufnahme:
Illustration: The University of Arizona